Wie wir lieben, wie wir leben.

Der Dokumentarfilm „16 Frauen” gibt sehr persönliche Einblicke in den Alltag iranischer Frauen. Ein Gespräch mit der Regisseurin Bahar Ebrahim.

Liebe Bahar, wie bist du auf die Idee gekommen einen Film über Frauen im Iran zu drehen?

Es gibt einige Filme, über iranische Frauen. Die Meisten sind allerdings sehr traurig und zeigen, wie schwer das Leben im Iran ist und wie die Frauen darunter leiden. Das Bild, was dort gezeichnet wird, ist extrem einseitig und dunkel. Ich wollte der Welt, ein neues Bild von iranischen Frauen vorstellen. Aus diesem Grund habe ich einen Dokumentarfilm gedreht, der die Realität von verschiedenen Frauen aus unterschiedlichen Generationen zeigt. Bunt und vielfältig! 

Ein zentrales Thema in deinem Film ist Liebe. Warum war dir dieses Thema wichtig?

Über Liebe und Leidenschaft wird oftmals nicht direkt gesprochen, vor allem nicht in der Öffentlichkeit. Wir sind aber alle Menschen und phantasieren die ganze Zeit herum: Wir wollen verliebt sein, wir wollen glücklich sein, wir wollen lachen… Trotz unserer Lebensrealität und Erfahrungen, wissen wir meist nicht, was Liebe ist. In meinem Film gebe ich 16 Frauen die Möglichkeit, sich zu zeigen, über ihre Wünsche, Bedürfnisse und Identität zu sprechen.

Wie hast du die Frauen für deinen Film gefunden?

Ich bin regelmäßig in Teheran. Für die Filmaufnahmen bin ich ein paar Wochen dort geblieben. Mir war es wichtig einen „echten” Dokumentarfilm zu drehen, mit Frauen, die nicht sehr bekannt sind und nicht wegen des Geldes mitmachen, sondern weil sie ihr wahres Gesicht zeigen möchten. Ich musste erstmal gucken, welche Frauen ich vor der Kamera haben will. Dann habe ich nach und nach die Frauen gefunden. Einige kannte ich schon, andere wurden mir vorgestellt. Ich habe die Frauen kennengelernt und nach einem kurzen Interview, wusste ich, wie ich mit den Frauen im Film arbeiten kann. 

Wir sprechen die ganze Zeit über Frauen. Was bedeutet „Frausein” eigentlich für dich?

In meinem Film zeige ich 16 Varianten davon, was es heißt eine Frau zu sein. Es ist für mich stark von der Zeit abhängig, in der die Personen leben, also zu welcher Generation sie gehören.

Für die Älteren, die 70 oder 80 Jahre alt sind, bedeutet „Frausein” ein schweres Leben gehabt zu haben. Du konntest dir nicht selbst einen Mann aussuchen, hast Kinder bekommen, warst die ganze Zeit nur mit dem Versorgen der Familie beschäftigt… So wünscht sich beispielsweise eine ältere Dame im Film wieder „frei” zu sein, um sich noch einmal zu verlieben, um noch einmal Händchen zu halten. Die Generation von meiner Mutter ist da schon einen Schritt weitergekommen. Sie durften einen Freund haben oder zumindest jemanden kennenlernen, aber auch nicht mehr. Gleichzeitig erzählen die Jüngeren: „Ich bin eine Frau, ich bin unabhängig. Ich mache das, worauf ich Lust habe.” Die Generation heutzutage heiratet nicht mehr und hat wechselnde Beziehungen.

Wie hast du die Zeit während des Filmdrehs persönlich erlebt?

Es war bis jetzt die schönste Erfahrung in meinem Leben. Die Atmosphäre war sehr auf Vertrauen aufgebaut und die Frauen waren auch alle sehr gelassen. Sie haben über Dinge gesprochen, die sie bisher niemanden erzählt haben- mir ihre tiefsten Gefühle und Geheimnisse anvertraut. 

Die Frauen hatten ein starkes Bedürfnis über sich selbst zu sprechen. Vor allem die ältere Generation hat viel von sich preisgegeben, ohne sich einzuschränken. 

Was glaubst du, woher dieses Vertrauen und Selbstbewusstsein bei den Älteren kommt? 

Die Ansichten zum Leben verändern sich einfach. Solange du jung bist, bist du immer am Rennen. Entweder erreichst du, was du dir vornimmst oder nicht, aber du bist auf jeden Fall immer unterwegs. Wenn du älter bist, dann ist das Meiste schon gelaufen, dann kommst du zu deinen Wurzeln zurück. Da findest du dann Freundschaft, Freude, Liebe und Genießen. Eigentlich, die Dinge, die für das Leben wichtig sind, die wir aber gerne vergessen. Stattdessen wollen wir einen besseren Job haben, wollen mehr Geld, ein Haus bauen… Ich glaube, wenn du einen Blick auf dein Leben wirst und verstehst, dass du nichts zu verlieren hast, dann kann auch nichts mehr passieren. Dann geht es nur in eine Richtung und zwar zu dir selbst. Am Ende wird uns bewusst, was wir gerne gemacht hätten und nicht gemacht haben.

Es wäre wünschenswert, wenn wir nicht erst im hohen Alter bemerken, was uns glücklich macht. Wie hast du das Filmen für dich entdeckt?

Als ich nach dem Abitur nach Deutschland gekommen bin, habe ich Pharmazie studiert, weil ich mit der Stimme meines Großvaters aufgewachsen bin. Mein Großvater wollte, dass mein Vater Pharmazie studiert, aber er hat es nicht gemacht. Er hat Film und Regie in Italien studiert. Nach sechs Semester habe ich das Studium abgebrochen. Ein guter Freund von mir meinte damals: „Du musst unbedingt Filmemacherin werden, weil du die Begabung dazu hast!”. Ich habe dann eine Weiterbildung zur Regieassistenz gemacht und nach dem Tod meines Vaters meinen ersten Kurzfilm gedreht. Seitdem bin ich dem Bereich Film und Regie treu geblieben.

Hast du einen Tipp für Menschen wie sie ihre Leidenschaft finden können?

Wir sollten neugierig sein und gucken, was unser Herz sagt. Viele stehen ja morgens unglücklich auf, gehen zur Arbeit, sitzen den ganzen Tag unzufrieden im Büro und kommen abends unglücklich wieder nach Hause. Das machen sie ihr gesamtes Leben. Wir müssen aber nicht nur funktionieren, sondern auch leben. Wir sind schließlich keine Roboter, sondern Menschen. Irgendwann sterben wir. Warum sollen wir dann nicht gleich das tun, was uns glücklich macht… Außerdem braucht es Mut. Den Mut, du selbst zu sein. Darum geht es im Leben. 

Wie empfindest du das Leben in Deutschland und wie ist das Leben in Iran für dich?

Für mich ist das Leben überall gleich und einfach, egal wo ich bin. Bisher habe ich meist gute Menschen getroffen. Ich glaube, das liegt auch an mir. Da ich selbst offen und entspannt bin, ziehe ich die entsprechenden Personen an, die einen ähnlichen Rhythmus und Energie wie ich besitzen. Deutschland ist mein zuhause, genauso wie Teheran. Ich habe viel Herz und Leidenschaft im Iran. Ich kann mir vorstellen, irgendwann einen Teil meines Lebens in Iran zu verbringen- Das Leben hoch zwei zu leben.

Wie begegnen dir Menschen, wenn sie erfahren, dass du in Iran geboren und aufgewachsen bist?

Es gibt einige Leute, die nichts über Iran wissen und mich fragen wie ich nach Deutschland gekommen bin- „auf einem Esel?” und dann muss ich sagen: „Ich habe im Flugzeug gesessen und bin hergeflogen”. Es gibt aber auch Leute, die Ahnung haben und wissen wie Frauen in Iran sind, wie viel Macht sie haben, wie gebildet und motiviert sie sind. Das ist alles abhängig von der jeweiligen Person, mit der ich zu tun habe.

Welche Reaktionen erlebst du auf deinen Film „16 Frauen”?

Wenn ich meinen Film „16 Frauen” irgendwo zeige, werde ich meist sehr offen empfangen und der Film kommt auch gut an. Die Leute sind einfach interessiert, mehr über Iran zu erfahren und sie merken auch schnell, dass wir Menschen im Kern alle gleich sind und uns ähnliche Themen beschäftigen, egal wie wir aussehen oder heißen.

Bahar Ebrahim ist Regisseurin und Autorin. Sie ist 1980 in Teheran geboren und nach dem Abitur im Jahr 1998 nach Deutschland gekommen, um Pharmazie zu studieren. Das Studium brach sie aufgrund ihrer Liebe zum Film ab. Nach einer Weiterbildung zur Regieassistenz, schreibt sie heutzutage selbst Drehbücher und führt Regie. Bahar lebt in Köln, Berlin und München. Ihr Dokumentarfilm „16 Frauen” gewann 2018 den World Woman Award. 

Bilder: © Bahar Ebrahim