Moderne Literatur im Iran – So ist sie entstanden

Persische Poesie und Märchen sind in der ganzen Welt bekannt. Der deutsche Dichter Schiller entwickelte seine eigene Fassung des Theaterstücks Turandot (Turan-docht in Farsi, was das Mädchen aus China bedeutet), einer Geschichte aus Tausend und einer Nacht vom persischen Schriftsteller Nezami. Gedichte vom persischen Dichter Hafis haben Goethe dermaßen inspiriert, dass er „seinem Zwillingsbruder im Geiste” gleich einen ganzen Gedichtband widmete und die Eingangshalle des Uno-Hauptquartiers in New York sind mit Versen des persischen Dichters Saadi geschmückt. So viel zur persischen Vergangenheit, denn auch heutzutage gibt es eine aktive iranische Literaturszene. In diesem Beitrag widmet sich Atiieh Radmanesh-Ahsani der Entstehungsgeschichte der neuen iranischen Prosa-Literatur.

Aller Anfang ist schwer! Auch für die iranische Literatur war es nicht einfach, nach ihrer tausendjährigen Literaturgeschichte neue Wege einzuschlagen. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts schaffte sie es endlich, sich von der klassischen Literatur, den erzählenden Gedichten, Weisheiten, Mythen und Märchen zu trennen und lernte, sich neu zu strukturieren. 

Leitend auf diesem Weg war die europäische Prosa-Literatur. Die iranischen Autor*innen sollten erst durch die Übersetzungen großer europäischer Werke und Klassiker sowie mit den modernen literaturwissenschaftlichen Theorien vertraut werden, damit sie im nächsten Schritt, der neuen Form und Struktur eigene kulturellen Einsichten und Inhalte verleihen konnten. Ein Weg, der aufgrund der historischen Vergangenheit, des zu dieser Zeit geringen kulturellen Austausch mit Europa und der politischen Turbulenzen des 20. Jahrhunderts, steinig war.

Wir werden hier die prägendsten literarischen Ereignisse, Autor*innen und Gruppen vorstellen und damit eine Einführung in die hundertjährige Geschichte der modernen iranischen Prosa-Literatur geben. Diese erhebt keinen Anspruch auf ein vollständiges Gesamtbild, sondern soll zunächst einen Überblick schaffen. In späteren Beiträgen werden wir uns mit den einzelnen Autor*innen der zeitgenössischen iranischen Literatur-Szene genauer beschäftigen.   

Im Iran wurde die neue Prosa-Literatur zu jeder Zeit sehr stark von der sozialen und politischen Situation beeinflusst. Da das Land Iran politisch und sozial große Änderungen und Unruhen in den letzten hundert Jahren erlebt hat, wurde die neue Literatur daher ständig in ihrer Bewegung abgebrochen und sollte mehrmals sich wieder neu finden und neu anfangen. Die historische Periode, die wir uns hier anschauen möchten, beginnt mit der iranischen konstitutionellen Revolution (1905-1911) und endet mit der islamischen Revolution im Jahre 1978. In dieser Zeitspanne finden wir die Entstehung der modernen Literatur und besonders des Romans vor. 

Mit der konstitutionellen Revolution im Iran, als sich nationalistische Gedanken verbreiteten, wendete sich auch die Literatur den Themen der damals aktuellen sozialen Ereignissen zu und die Rolle des Volkes wird in der Literatur immer wichtiger.

Prosawerke, die in dieser Zeit verfasst werden, wie Kurzgeschichten und Romane, haben immer noch keine sprachliche Reife und strukturierte Form. Die Betonung liegt vor allem auf den Inhalt bei diesen Werken. Sie thematisieren die Wiederbelebung der iranischen Kultur gegenüber der verbreiteten „arabischen“ Kultur und ihrem Einfluss. Der erste iranischer Intellektuelle, der auf die Notwendigkeit des Romans als literarische Form aufmerksam wurde, ist Mirza Fath Ali Akhound-Zade (1812-1878). Er betonte besonders die Auseinandersetzung mit den europäischen Werken, ihrer Literaturtheorie und Kritik.

Zu Beginn des 20. Jahrhunderts wurden die iranischen Literat*innen vor allem von den europäischen Romantikern wie Victor Hugo und Alexandre Dumas und ihren sozial-historischen Romanen beeinflusst. Eine weitaus bedeutsamere Rolle bei der Weiterentwicklung der Prosa Literatur kann jedoch den iranische Autor*innen von Kurzgeschichten zugeschrieben werden. In der Tradition der persischen Volkserzählungen begannen sie für die iranischen Leser*innen Kurzgeschichten zu verfassen. In ihren Kurzgeschichten sieht man schon, wie sie sich mit den europäischen Tradition der Erzählkunst auseinandergesetzt haben. Hervorzuheben sind die beiden großen Vertreter iranischer Kurzgeschichten: Mohammad Ali Dschamalzade (1892 Isfahan, Iran – 1997 Genf, Schweiz) und Sadegh Hedayat (1903 Teheran – 1951 Paris).

Sadegh Hedayat ist der erste iranische Autor, der mit seinen zwei Werken aus den Jahren 1933 und 1937 die moderne iranische Prosa gründet, und zwar mit: Drei Tropfen Blut (1933, Kurzgeschichte) und Die blinde Eule (1937, Novelle). 

Hedayat hat bis zu den 60er Jahren, also bis zu zwanzig Jahre nach seinem Tod die Dichter*innen und Autor*innen im Iran mit seiner Sprache und Themen seiner Geschichten direkt beeinflusst und inspiriert. Der Einfluss von Hedayat ist bis heute im Iran spürbar. Mit seinen Werken hat er die Geschichte der iranischer Prosa-Literatur geteilt: in die Zeit vor und nach Hedayat. Obwohl sich die nachfolgenden Bewegungen und Richtungen zum Teil gegnerisch gegenüber Hedayat stellten, sind sie dennoch als Fortführung von Hedayats Aufklärung in Bezug auf Prosa-Literatur, Sprache und kulturelle Probleme zu sehen. 

Neben der neugefundenen Struktur und Sprache, nehmen die Werke Hedayats auch aufgrund ihres Inhaltes eine besondere Stellung in der iranischen Kultur ein. 

Der Autor thematisierte zum ersten Mal die gemeinsame Identität der Iraner*innen seiner Zeit. Er beschäftigt sich mit den Konflikten von Modernität und Tradition und den Problemen des modernen Menschen. 

Hedayat war sehr gut mit den literarischen Werken der Surrealisten in Frankreich vertraut und beschrieb den zeitgenössischen Menschen in der Dichotomie von Tod und Leben, Realität und Traum. Sein surrealistischer Roman, Die blinde Eule, wurde nicht im Iran, sondern in Mumbai (Indien) veröffentlicht, und zwar von Hedayat selbst, in Form von Kopien seines handschriftlichen Textes. 

Wie vor ihm waren vielen Schriftsteller*innen und Intellektuelle aus dem Iran gezwungen ins Ausland zu emigrieren, um ihre geistigen Aktivitäten fernab der Regierungszensur und politischen Unruhen im Iran fortsetzen zu können. Und auch mit der Hoffnung eine vielfältigere und größere Leserschaft zu gewinnen. 

Eine bekannte und historisch einflussreiche Exilatengruppe von iranischen Intellektuellen bildete sich in den Jahren zwischen 1915 und 1927 in Berlin. Von der damaligen Deutschen Reichsregierung finanziell unterstützt, kamen viele iranische Intellektuelle nach dem Ausbruch des ersten Weltkrieges nach Berlin, um eine national gesinnte Widerstandsgruppe aufzubauen. Die Mitglieder der Gruppe waren gleichzeitig auch bekannt in dem damaligen Iran und haben die Literaturszenen in Iran direkt und gleichzeitig mit ihren Ideen beeinflusst.

Unter ihnen war auch Hossein Kazemzadeh Iranshahr (1884 Täbris, Iran – 1962, Flawil, Schweiz). Zusammen mit Seyyed Hassan Taqizadeh (Täbris 1878 – Teheran 1970), Mohammad Ali Dschmalzadeh und Ebrahim Pourdavoud (1885 Rasht – 1968 Teheran, Iran) veröffentlichten sie in Berlin die Exilzeitschrift Kaveh (1916 – 1922, 52 Ausgaben).

Nach Ende des ersten Weltkrieges blieb Kazemzadeh weiterhin in Berlin. Die Unterstützung der Deutschen Regierung wurde zwar eingestellt, aber er gründete dort im Jahre 1918 den Verlag Iranshahr. Um Kazemzadeh versammelten sich viele Studierende. Einer von ihnen war Seyyed Morteza Moschfegh-e Kazemi (1904 Teheran – 1978, Paris), Autor des ersten iranischen Sozial-Romans mit dem Titel: Der schreckliche Teheran.

In den 20er und 30er des letzten Jahrhunderts wurden weitere iranische Exilzeitschriften in Berlin veröffentlicht wie Name-ye Farhangestan (1924-1925, 12 Ausgaben), Mard-e Azad (Der freie Mann,1921-1922) oder Donya (Die Welt, 1933-1935). “Die Welt” wurde von Taqi Arani (1903 Täbris -1940 Tehran) und Bozorg Alavi (1904 – 1997 Berlin) herausgebracht. Alavi war ein Freund Hedayats, und gehörte auch zu den Schriftstellern, die eine wichtige Rolle bei der Bekanntmachung der zeitgenössischen iranischen Prosa-Literatur im deutsch-sprachigen Raum einnahmen. Alavi, der zusammen mit Prof. Heinrich Junker das erste Persisch-Deutsche Wörterbuch herausgab, war in seinen Exiljahre als Assistent-Professor an der Universität Humboldt in Ost-Berlin im Fach Geschichte und Literatur Irans tätig. Er übersetzte, während seiner Lehrtätigkeit in Berlin, auch seiner einigen Werke sowie die von Hedayat ins Deutsche. 

International wurde man erst durch die iranischen Exilliteraten in Deutschland und in Frankreich auf die iranische moderne Literatur aufmerksam. Die iranischen moderne Werke wurden dann in die europäischen Sprachen übertragen und veröffentlicht. 

Wie schon erwähnt, war die moderne Prosa-Literatur bis zu den 60er Jahren des 20. Jahrhunderts stark von Hedayat beeinflusst. Obwohl sich seit dem Jahr 1947 im Iran ein unabhängiger iranischer Schriftstellerverband gegründete und viele Autoren wie Sadeq Chubak (1916 Buschehr, Iran – 1998 Berkely, California), Dschalal Al-e-Ahmad (1923-1969), Ebrahim Golestan (geb.1922) (besonders unter dem Einfluss von Übersetzungen der Werke von Hemingway und Faulkner) in ihren Schriften experimentieren und sogar neue Stile und Richtungen bildeten, gelang es ihnen jedoch nicht, eine neue Form und Sprache zu etablieren. 

Im Gegensatz zu Hedayat konzentrieren sich viele iranische Autor*innen in den 40er und 50er Jahren mehr auf die politischen Inhalte und wurden zu Ideologie-Literaten für oder gegen politische Parteien. Mehr als je zuvor finden heutzutage die Werke von Hedayat literarische Beachtung und Wertschätzung. 

Eine der wichtigsten modernistischen Strömungen der iranischen Literatur de 60er Jahre wurde durch den Literaturkreis von Jong-e Isfahan ins Leben gerufen (Isfahans Anthologie, 1965-1973, erschienen 10 Ausgaben und die eine letzte Ausgabe in 1981). 

Die Herausgeber der Anthologie waren hauptsächlich Anhänger der französischen Richtung: Nouveau Roman. Sie übte einen starken Einfluss auf die literarische Gemeinschaft Irans aus. Schriftsteller*innen wie Marguerite Duras, Alain Robbe-Grillet, Jorge Luis Borges, … wurden den Iraner*innen erstmals durch die Anthologie Isfahans vorgestellt und literaturwissenschaftlich analysiert.

In der Anthologie Isfahans wurden nicht nur Werke europäischer und amerikanischer Literaten diskutiert und übersetzt, sondern auch originelle Kritiken und literarische Werke der Gesellschaftsmitglieder der Anthologie veröffentlicht. Viele wichtige Persönlichkeiten der modernen iranischen Literatur haben zur Anthologie Isfahans beigetragen wie Hushang Golschiri (Schriftsteller, Kritiker), Abol-hasan Najafi (Sprachwissenschaftler, Übersetzer und Kritiker) und Mohammad Hoqouqi (Dichter und Kritiker). Die Kurzgeschichten von Golschiri (1938 Isfahan – 2000 Teheran) gehören heute zu dem Kanon der modernen und post-modernen iranischen Prosa. Somit entstanden in den 60er und 70er Jahren eine Fülle an unterschiedlichen und sehr erfolgreichen Prosawerken, vor allem Romane und Kurzgeschichten, die unter dem Einfluss der Anthologie Isfahans standen. 

Die Entwicklung der modernen Prosa-Literatur des Irans veränderte ihren Weg mit der iranischen Revolution im Jahre 1978. Die weiteren Etappen nach der Revolution sind ein eigenes Thema für sich und sollten getrennt behandelt werden. 

Fakt ist jedoch, dass immer noch eine enge literarische Verbindung mit Deutschland besteht. Viele neue Autor*innen und Werke sind nach 1979 ins Deutsche übersetzt und veröffentlicht worden. Viele Autor*innen sind aus politischen oder familiären Gründen nach Deutschland emigriert und arbeiteten dort literarisch weiter. Deutsche Vereine wie die Heinrich Böll Stiftung haben eine große Rolle bei der Unterstützung der modernen iranischen Literatur geleistet: Durch die Vergabe von Literatur-Stipendien sind viele iranischen Autor*innen nach Deutschland gekommen oder haben dort ihre literarische Heimat gefunden.

Die kulturelle Beziehung zwischen Iran und Deutschland haben in den letzten hundert Jahren jenseits der politischen Fronten und ihrer Konflikte überlebt und leben weiter. 

Atiieh Radmanesh-Ahsani ist am 1978 in Teheran, Iran geboren. Sie ist Autorin, Kritikerin und Expertin für iranische Prosa-Literatur. Seit 2018 organisiert und leitet sie in Köln die monatlich Lesung und Kritik-Veranstaltung „Yek Dastan“ zum Thema iranische zeitgenössische Kurzgeschichten. Sie ist Mitherausgeberin der Literaturzeitschrift „Peyrang“.