„Bin ich Perser oder bin ich Jazzer?”

Mahan Mirarab gehört zu den innovativsten Musiker*innen im Iran. Mit seinen unkonventionellen Kompositionen bewegt er sich über sämtliche Grenzen hinweg und repräsentiert eine junge Generation, die für Vielfalt, Qualität und Kreativität steht. Im Interview zeigt er uns seinen Weg dorthin.

Lieber Mahan, wann hast du angefangen Musik zu machen?

Ich war 13 Jahre alt und lebte in der Stadt Babol am Kaspischen Meer als ich anfing Klavier zu spielen, zwei Jahre später begann ich Gitarre zu lernen. Als ich dann mit meiner Familie nach Teheran gezogen bin, habe ich Jazzmusik für mich entdeckt.

Wie genau kam es dazu?

Ich hatte ein paar Freunde, die sich auch für Musik interessierten und mir von Jazz erzählten. Ich habe mir daraufhin ein paar Platten gekauft, die mich total begeisterten und wollte das unbedingt lernen. Also haben wir in Teheran eine kleine Community aufgebaut, Geld gespart und einen Lehrer aus Armenien eingeladen, der uns Jazztheorie und Improvisation beigebracht hat. Unser Lehrer, Vahagn Hayrapetan ist einige Male nach Tehran gekommen. Von ihm haben wir viel gelernt.

Und dann hast du Musik studiert?

Nein, ich habe Architektur studiert. In Iran gab es damals genau zwei Universitäten, an denen man Musik studieren konnte. Entweder klassische europäische oder traditionelle iranische Musik. Das war aber keine Option für mich. Ich wollte unbedingt Jazz und kreative Musik lernen. Also haben wir uns in der Community gegenseitig unterstützt und sind dran geblieben. Nach meinen Studium bin ich nach Wien gezogen.

Warum nach Wien? Hattest du Verwandte oder Bekannte dort?

Nein, ich hatte niemanden in Wien, aber im Iran habe ich als Musiker im österreichischen Kulturforum gearbeitet. Ich hatte eine Jazzband und konnte auch ein bisschen deutsch sprechen. Das Kulturforum und die Botschaft haben mich daher unterstützt, nach Österreich zu kommen.

In Wien ist auch dein erstes Album „Persian Side of Jazz Vol. 1” entstanden. Wie kam es dazu?

Die Ideen für „Persian Side of Jazz” habe ich im Iran entwickelt, in Wien habe ich sie dann aufgenommen. Wir hatten kaum finanzielle Mittel zur Verfügung, daher haben wir das Album in sechs Stunden aufgenommen, waren nur im Studio, haben zwei Takes von jedem Stück gespielt und das war’s. Zu dem Projekt „Persian Side of Jazz” gehört aber nicht nur das erste Album. Es hat insgesamt viel länger gedauert. Erst 2019, also 10 Jahre später, habe ich es mit der zweiten CD „Persian Side of Jazz Vol. 2” beendet.

Warum hat dich das Projekt so lange beschäftigt?

Diese Musik war eine Suche nach meiner Identität. Ich habe mich dabei gefragt: „Bin ich Perser oder bin ich Jazzer?” Im Iran wurde ich immer in die Jazzschublade gesteckt und in Europa war ich immer der Perser. Am Ende fand ich heraus, ich bin nichts von beidem. Die Schubladen, in die andere einen versuchen einzuordnen, brauchen wir nicht. Ich hatte selbst viele solcher Schubladen in meinem Kopf. Es ist nicht so einfach, anders zu denken und sich zu ändern… Das braucht viel Zeit. „Persian Side of Jazz” war daher eine schöne Reise, bei der ich viel über mich, verschiedene Kulturen, Mentalitäten und Möglichkeiten Musik zu machen, gelernt habe.

Wie ist dein Verhältnis zu der iranischen Musikszene? Wie häufig bist du in Iran?

Meine Familie lebt in Iran und die Verbindungen zur Musik-Community in Teheran und anderen Städten haben sich sehr gut gehalten. Es gibt viele Projekte und Zusammenarbeit zwischen den Regionen , zum Beispiel mit Bandar Abbas, ganz im Süden von Iran. Die Underground- und Independent-Szene sind sehr stark und aktiv. Es gibt jetzt einige Studios in Tehran, die kreative Musik produzieren. Und vor allem die elektronische Musikszene hat eine super Community. Die Szene ist international anerkannt und die DJs reisen durch die ganze Welt.

Im Januar 2020 war ich mit meiner Band im Iran. Wir haben ein paar Konzerte gespielt und ich habe einen Workshop gegeben. Das war sehr interessant und ich durfte viele talentierte Musikerinnen und Musiker kennenlernen. Mich fasziniert immer wieder wie stark die Frauen in Iran sind. Die machen trotz vieler Hindernisse tolle Musik und sind sehr aktiv. Bei dem Berliner Festival „Female Voice of Iran” waren einige der Sängerinnen eingeladen. Es gibt auch einen Dokumentarfilm über diese Frauen.

Wie ist es für dich, gab es für dich auch Hindernisse in deiner Karriere?

Als ich nach Europa gekommen bin, habe ich zum ersten Mal in meinem Leben Diskriminierung erlebt. Im Iran habe ich das als Mann nicht erlebt.

Es ist schon auffällig, dass die Europäer*innen in Wien mehr Chancen in der Kunst- und Musikszene haben, nur wegen der Nationalität. Wenn man sich die Festivals oder Orchester anschaut, sieht man die fehlende Diversität. Die Leute sind hoffnungslos, so eine Position zu bekommen. Wien braucht noch Zeit, um sich weiter zu verändern. In anderen großen Städten in Europa wie in Berlin, ist es schon viel gemischter. Man hat so ein „zuhause”-Gefühl in der Gesellschaft, als Musiker und auch als Mensch. Deswegen habe ich ganz wenig in Österreich gearbeitet und war viel mit meinen Projekten in den Niederlanden und Deutschland unterwegs.

Mit meiner Partnerin Golnar haben wir 2011 unserer Band „Golnar und Mahan Trio” gegründet. Obwohl wir in der ganzen Welt getourt haben- in Japan, Amerika, Kanada, Deutschland und vielen anderen Ländern, aber in Österreich waren wir gar nicht.

Und trotzdem seid ihr Wien treu geblieben…

Golnar und ich sind immer zwischen Berlin und Wien gependelt. In Wien haben wir unsere Community. Die Leute sind wie unsere Familie, das war der Grund dortzubleiben und weiter zu kämpfen. Erst jetzt, nach 10 Jahren Arbeit sind wir endlich in Österreich bekannt und bekommen etwas zurück.

Was würdest du gerne verändern? Was ist deine Vision?

Die Menschen, die im Kulturbereich arbeiten sollten sich weiterbilden lassen und bereit sein für Veränderungen. Die Welt ändert sich und wir ändern uns mit ihr. Es darf sich nicht immer alles wiederholen und dieselben Fehler gemacht werden.

Außerdem wünsche ich mir, dass Musik aus verschiedenen Regionen dieselbe Anerkennung erhält wie klassische europäische Musik und nicht einfach als Weltmusik abgestempelt wird. Jede Region hat eine eigene Kultur, die nicht auf einmal entstanden ist, sondern sich über tausende von Jahren entwickelt hat. Das sollte sich auch in den Gehältern und Einkünften aus Urheberrechten wiederspiegeln. Musik ist Musik. Kategorien und Bewertungen helfen uns nicht, die spalten uns nur.

Europa kann da etwas vom Iran lernen. Im Iran gibt es viele unterschiedliche ethnischen Gruppen mit eigenen Sprachen und Kulturen, die zusammenleben und sich verstehen. Offenheit, gegenseitige Toleranz und vor allem das Besinnen auf die gemeinsamen menschlichen Werte sind hier der Schlüssel.

Ich sehe auch die Veränderungen in Wien und der Welt. Das ist schön und gibt mir viel Hoffnung.

Mahan Mirarab ist ein in Wien lebender Musiker, Komponist und Produzent. Neben seiner eigenen Band, dem Mahan Mirarab Trio, ist er weltweit mit dem Golnar Mahan Trio unterwegs (2021 bei der Womex und Global Toronto). Er spielt in der 13 köpfigen internationalen Band Acoustic Diaries sowie im Trixter Orchester in Berlin und arbeitet schon seit vielen Jahren mit der kurdischen Sängerin Sakina zusammen.

Bilder: © Georg Cizek-Graf, Saleh Rozati